Opern nach Stücken von William Shakespeare bilden ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Musiktheaters – und King Lear, Shakespeares unvergleichliche Tragödie, hat viele Komponisten inspiriert.
Erstaunlicherweise hat sich jedoch keine der Opernfassungen dauerhaft im Repertoire etabliert – anders als etwa Gounods Roméo et Juliette oder Verdis Otello. Vielleicht liegt es daran, dass sich bisher kein Komponist von Verdis Format an Lear herangewagt hat – obwohl Verdi selbst stets plante, das Werk zu vertonen.
Ein Werk jedoch, das seit seiner Uraufführung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts große Anerkennung erlangte und an renommierten Opernhäusern weltweit gespielt wurde, ist Lear des deutschen Komponisten Aribert Reimann (*1936).
Zu seinen zehn Bühnenwerken gehören Vertonungen von Franz Kafkas Roman Das Schloss und August Strindbergs Drama Die Gespenstersonate, doch sein bekanntestes Werk bleibt die vierte Oper – Lear nach Shakespeare. Entstanden 1978 für die Bayerische Staatsoper München auf Anregung des berühmten Baritons Dietrich Fischer-Dieskau, der die Titelrolle sang. Reimann vertonte King Lear nicht vollständig wörtlich, sondern ersetzte Auslassungen durch eindringliche, teils schroffe, teils tief bewegende Musik – spürbar in der Tradition des deutschen Expressionismus.